Threat and Error Management (TEM)
Veröffentlicht von Georg Berg in CRM & HF · Donnerstag 23 Okt 2025 · 5 Minuten
Das Model des
„Threat and Error Management“ (Bedrohungs- und Fehler
Management) wurde im Luftverkehrsbereich entwickelt und wird heute
von Airlines genauso genutzt wie neuerdings auch in medizinischen und
technischen Risikobereichen. Es findetunter anderem auch Anwendung, um Zwischenfälle und Unfälle zu untersuchen und um
frühestmöglich Gefahrenquellen erkennen zu können.
Ein Tag
ohne Threats in der Luftfahrt könnte folgendermaßen
aussehen:
Ein perfekter
Flugtag, ohne Wind, ohne anderen Verkehr, ohne Wetter, an dem Sie ganz
ausgeschlafen sind und gerade erst aus dem Training kommen, gleichzeitig aber
schon einiges an Flugerfahrung sammeln konnten. Das Flugzeug ist erst wenige
hundert Stunden alt, es wurden aber bereits alle Kinderkrankheiten beseitigt.
Sie haben den Kopf frei und nichts belastet sie beim Fliegen. Dies wäre ein Tag
ohne Threats. Alles, was sich von einem solchen Tag unterscheidet, ist ein
Threat (z. B. Flugverkehr, Müdigkeit, Wetter, etc.).
Threats (Bedrohungen)
sind innerhalb dieses Modells Ereignisse oder Fehler,
die außerhalb des Einflusses der Cockpit Crew bzw. des medizinischen Teams
geschehen. Sie erhöhen die Komplexität einer Situation und fordern zusätzliche
Aufmerksamkeit von der Crew oder med. Teams, welche auf die Threats angemessen
reagieren muss (z. B. Gewitterzellen umfliegen oder Beachtung des fließenden
Verkehrs bei der Patientenversorgung in situ). Auch die Fehler von
Lotsen/LST-Disponenten oder anderen Piloten bzw. med. Einsatzpersonal werden als
Threats bezeichnet, da die eingesetzten Kräfte keinen unmittelbaren Einfluss
auf sie hat. Während einige Threats antizipiert werden können (Gewitter schon
im Wetterbericht vorhergesagt, Einsatzstelle im Vorfeld absperren lassen),
treten andere spontan auf (technisches Versagen oder spontanes Verändern des
Patientenzustandes).
Threats können
offensichtlich sein oder nur latent vorhanden sein. Latente Threats treten erst
durch eine ungünstige Kombination von Umständen zutage. Ein Beispiel dafür ist
der Höhenmesser mit drei Zeigern, welcher früher in Flugzeugen zum Einsatz kam.
Durch die Unübersichtlichkeit der Anzeige kam es in Stresssituationen immer
wieder zum Ablesen einer um 10 000‘ falschen Höhe.
Errors (Fehler)
sind im fliegerischen Bereich zu Beispiel Handlungen
der Piloten, die zu Abweichungen vom gewünschten Flugzustand führen. Handlungen
schließen dabei auch Nicht- Handlungen mit ein (z. B. Fahrwerk wird während des
Durchstartens nicht eingefahren). Nicht korrigierte oder falsch korrigierte
Fehler führen häufig zu Undesired Aircraft States (UAS), welche die
Flugsicherheit in negativer Weise beeinflussen.
Undesired
Aircraft States (UAS) sind durch den Piloten herbeigeführte, unerwünschte
Zustände des Flugzeugs. Damit gemeint sind die Position, die Geschwindigkeit,
die Konfiguration und andere Parameter des Luftfahrzeugs. UAS ergeben sich oft
aus einem unzulänglichen Management der vorangegangenen Threats und Errors
durch die Crew.
Fehler können
spontan auftreten (ohne Verbindung zu vorangegangenen Threats), in Zusammenhang
mit Threats stehen oder ein Teil einer Fehlerkette sein. Beispiele für Fehler
im fliegerischen Bereich sind z. B. ein nicht-stabilisierter Anflug sein, eine
fehlerhafte Bedienung des Autopiloten, ein nicht ausgerufener Callout oder die
fehlerhafte Interpretation einer Freigabe durch den Lotsen.
Beispiele für
Fehler im medizinischen Bereich sind z. B. ein unangemessener invasiver
Eingriff an dem Patienten sein, die fehlerhafte Bedienung eines Pacers, ein
nicht korrekte Einstellung eines Perfusors oder die fehlerhafte Interpretation
eines EKGs durch den Verantwortlichen darstellen.
Ein Fehler
muss nicht zwingend einen Einfluss auf die Flug- oder Patientensicherheit
haben. Dies hängt davon ab, ob die Crew bzw. das med. Team den Fehler erkennt,
bevor dieser zu einem Schaden führt.
Ein großes
Augenmerk des TEM-Models besteht daher darin, das Error
Management genauer zu untersuchen. Operationelle Fehler, welche
rechtzeitig erkannt und auf die gut reagiert wird, bleiben daher folgenlos.
Die Art der
Fehler kann nochmals in fünf Unterkategorien unterteilt werden:
- Beabsichtige Abweichung von Regeln (Intend to deviate from rules)
In diesem Fall entscheidet sich der/die
Verantwortliche bewusst für eine Abweichung von den festgelegten Regeln.
- Verfahrensfehler (Procedural Error)
Unabsichtliches Abweichen von Regeln, die entweder
durch den Gesetzgeber oder aber durch den Arbeitgeber / Operator festgelegt
wurden. Als Beispiele: es wird vergessen, nach dem Durchstarten das Fahrwerk
einzufahren / es wird bei OP-Ende vergessen, vor dem Verschluss der
Bauchhöhle die verwendeten Bauchtücher nachzuzählen.
- Kommunikationsfehler (Communication Error)
Missverständliche Kommunikation innerhalb der Crew/des
Teams oder mit einem außenstehenden Dritten.
- Kompetenzfehler (Proficency Error)
Fehlendes
Wissen und / oder Können des Piloten/Mediziners.
- Operative Entscheidungsfehler (Operational Decision Error)
Ein Fehler entsteht bei der Entscheidungsfindung, da
die Crew (a) sich nicht für die sicherste Variante entscheidet, (b) die
Entscheidung nicht verbalisiert und damit nicht bewusst trifft oder (c) sich
nicht ausreichend Zeit für die Entscheidungsfindung nimmt.
Gegenmaßnahmen (Countermeasures)
helfen dabei, dass Threats und Errors die Sicherheit
des Fluges oder die Patientensicherheit nicht gefährden. Als Beispiele können
Checklisten, Briefings, Call-Outs („Speed!“ oder „Achtung Defibrillation“) und
SOPs genannt werden. In Studien im Bereich Luftfahrt hat sich gezeigt, dass bis
zu 70 % der im Cockpit anfallenden Aufgaben darauf entfallen, Gegenmaßnahmen
vorzubereiten und umzusetzen.
Die meisten
Gegenmaßnahmen werden von den Crews und med. Teams situationsbedingt
eingeleitet. Ein kleiner Teil wird durch präventive Vorkehrungen unterstützt
oder durch den Operator vorgeschrieben, dazu zählen beispielsweise:
- TCAS
Traffic
Alert and Collision Avoiding System
- (E)GPWS
(Enhanced)
Ground Proximity Warning System
- SOP
Standard
Operating Procedures
- Checklisten
müssen z. B. vor jeder Landung
gelesen werden
- Briefings
müssen
vor jedem An-/ Abflug erledigt werden
- Ausbildung
Schwerpunkte zu gefährlichen
Themen